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Liebe Kitty! Anne Franks Tagebuch

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Das Tagebuch

Eine Multimedia-Reportage von Stephan Loichinger

Zum Ansehen brauchen Sie etwa 10 Minuten. Die Reportage ist für Chrome- und Firefox-Browser optimiert.
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Zu ihrem 13. Geburtstag am 12. Juni 1942 bekam Anne Frank ein rotkariertes Tagebuch geschenkt. Noch am selben Tag schrieb sie hinein: "Ich hoffe, dass ich Dir alles anvertrauen kann, wie ich es bisher noch niemals konnte, und ich hoffe, dass Du mir eine große Stütze sein wirst."

Später leitete sie jeden Tagebucheintrag mit "Liebe Kitty!" ein. Kitty hieß eine Figur in der Mädchenbuchserie "Joop ter Heul", deren Bände Anne mit Begeisterung las.

Im Juli 1942 floh das jüdische Mädchen mit seiner Familie aus Angst vor Deportation in ein Versteck in Amsterdam.

Das Tagebuch wurde zum Zeugnis eines Lebens voller Furcht vor der Judenverfolgung und zu einem Dokument des nationalsozialistischen Terrorregimes. Millionen von Menschen auf der ganzen Welt haben das Tagebuch gelesen, angetan von den mal unbeschwerten, mal angstbeladenen Zeilen einer Heranwachsenden.
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Nach der Verhaftung der Familie Frank und der anderen Bewohner des Verstecks im August 1944 blieb das Tagebuch im Hinterhaus der Prinsengracht 263 zurück. Es füllte mehrere Hefte und hunderte lose Blätter. Da Anne ab Frühjahr 1944 ältere Einträge überarbeitet hatte, wurde manches in verschiedenen Versionen geschildert.

Miep Gies, eine Mitarbeiterin von Annes Vater Otto Frank, bewahrte alle Aufzeichnungen auf - in der Hoffnung, sie Anne nach ihrer Rückkehr aus dem Konzentrationslager aushändigen zu können. Das Bild zeigt Miep Gies und ihren Mann vor dem Bücherregal, das den Zugang zum Versteck im Hinterhaus verborgen hatte.

Doch der einzige aus der Familie, der die Deportation und den Aufenthalt im KZ Auschwitz überlebte, war Otto Frank. Miep Gies übergab ihm Annes Tagebuch im Sommer 1945 mit den Worten: "Das ist das Vermächtnis Ihrer Tochter."
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Die Veröffentlichung

Otto Frank wusste, dass seine Tochter von einem Leben als Schriftstellerin träumte - und dass sie ihr Tagebuch für eine Veröffentlichung nach Kriegsende zu überarbeiten begonnen hatte. Die niederländische Exilregierung hatte im Frühjahr 1944 dazu aufgerufen, damit die Welt vom Leben unter der Besatzung durch die Nazis erfahre. An manchen Tagen schrieb Anne 40 bis 50 Seiten um.

Dennoch rang er nach seiner Rückkehr nach Amsterdam monatelang mit seinen Zweifeln: Sollte er die Aufzeichnung von Annes privatesten Gedanken wirklich veröffentlichen? Gleichzeitig beeindruckte ihn das Gelesene: "Ich wusste gar nicht, dass meine kleine Anne so tief war", sagte er einmal.
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Tagebuch-Übersetzerin und Anne-Frank-Biografin Mirjam Pressler über die neue Seite, die Otto Frank an seiner Tochter entdeckte.

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Schließlich ordnete Otto Frank Annes Zeilen und tippte sie auf einer Schreibmaschine ab. Schilderungen über Annes sexuelle Beziehung zum Versteck-Bewohner Peter van Pels und allzu heftige Konflikte mit ihrer Mutter sparte er aus. Dass Fremde über die erwachende Sexualität seiner 15-jährigen Tochter lesen sollten, erschien ihm so unpassend wie Annes Kritik an seiner Frau ungerecht.

Nach vielen Absagen und erst mit Hilfe eines befreundeten Zeitungsjournalisten fand er einen Verlag. Der Umfang für den Band war vorgegeben, weshalb Otto Frank den Text abermals kürzte. So entstanden die unterschiedlichen Fassungen des Tagebuchs. Vollständig lag es der Öffentlichkeit erst nach dem Jahr 2000 vor.

"Het Achterhuis" ("Das Hinterhaus") hieß das Buch im niederländischen Original. Nachdem sie 1933 im Alter von vier Jahren mit ihrer Familie Frankfurt verlassen hatte, hatte Anne erst in Amsterdam schreiben gelernt. Die Erstausgabe erschien im März 1947.

Das Original-Tagebuch von Anne hütete Otto Frank wie einen Schatz. Bis heute liegt es in einem Safe.
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Otto Frank holt das Original-Tagebuch aus seinem Safe in einer Bank in Basel (aus der Dokumentation "The Life of Buddy Elias", ohne Ton).

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Die Erfolgsgeschichte

Anne Franks Tagebuch entwickelte sich langsam zu einem Bestseller. Drei Jahre nach seiner Veröffentlichung erschien es 1950 erstmals auf Deutsch und Französisch, 1952 dann auf Englisch. Bis heute wurde es in rund 70 Sprachen übersetzt. Die Gesamtauflage liegt bei über 20 Millionen Exemplaren.

Die Erfolgsgeschichte begründete vor allem das Theaterstück über Anne Franks Leben im Amsterdamer Versteck: "Anne Frank: The Diary of a Young Girl" feierte im Oktober 1955 in New York Uraufführung. Das Stück wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und kam ein Jahr später auch auf europäische und deutsche Bühnen. Hier zu sehen: Gitte Reppin in einer Inszenierung am Berliner Ensemble 2006.
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Ende der 1950er Jahre kam die Geschichte zum ersten Mal ins Kino. Millie Perkins spielte in "The Diary of Anne Frank" die Hauptrolle, Joseph Schildkraut ihren Vater.

Otto Frank hatte inzwischen wieder geheiratet und war mit seiner Frau Fritzi Geiringer-Markovits nach Basel gezogen. Beide verpflichteten sich, die Erinnerung an Anne Frank hochzuhalten und ihre Botschaft als Friedensappell in die Welt zu tragen. So wie Anne als "Papa-Kind" (ihr Cousin Buddy Elias) galt, fühlte sich wohl auch Otto Frank seiner jüngsten Tochter besonders verbunden.

Das Paar beantwortete tausende Briefe von Tagebuch-Lesern und gründete im Januar 1963 den Anne Frank Fonds. Otto Frank setzte die gemeinnützige Stiftung als seine Universalerbin ein.
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Anne Franks Cousin Buddy Elias und seine Frau Gerti über Otto Franks Verpflichtung gegenüber dem Tagebuch.

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Immer wieder zogen Neonazis die Authenzität des Tagebuchs in Zweifel. Mal begründeten sie dies mit Anne Franks Stil, der für eine 13- oder 15-Jährige zu erwachsen und reif sei. Mal hieß es, die verschiedenen Handschriften im Tagebuch deuteten auf mehrere Autorinnen hin. Mal wurde unterstellt, das Tagebuch sei mit Kugelschreiber verfasst. Solche Stifte gab es aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Sämtliche Einwände wurden entkräftet: Es gab lediglich mit Kugelschreiber verfasste Anmerkungen von Herausgebern des Tagebuchs; Anne experimentierte - für eine Pubertierende nicht unüblich - mit unterschiedlichen Handschriften; letztlich erwies sich Anne als ein Mädchen mit Tiefgang.

Mit Hilfe des Anne Frank Fonds ging Otto Frank gegen alle Zweifel rechtlich vor. Mehrere Untersuchungen des Original-Tagebuchs, unter anderem durch das Bundeskriminalamt, bestätigten die Echtheit des Tagebuchs. "Es war für Otto ganz schwer, dass sein Kind so verleumdet wurde", berichtet Buddy Elias.
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Das Interesse an Anne Frank ist ungebrochen: Das Tagebuch gehört nach wie vor zur Schullektüre in vielen Schulklassen. Immer wieder gibt es neue Inszenierungen auf Theaterbühnen und neue Verfilmungen wie im Februar 2015 die hr-Koproduktion "Meine Tochter Anne Frank".

Vor dem Anne-Frank-Haus in Amsterdam in der Prinsengracht 263 sind lange Warteschlangen die Regel. 2014 wollten mehr als 1,2 Millionen Menschen den Ort des Verstecks im Hinterhaus besichtigen, nur jeder zehnte davon stammte aus den Niederlanden. Im fünften Jahr in Folge stieg die Besucherzahl.
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Die Wirkung

Otto Frank starb am 19. August 1980 im Alter von 91 Jahren. Zu seinem 90. Geburtstag hatte ihm die niederländische Königin Beatrix den Orden von Oranje-Nassau verliehen, in Anerkennung seiner Lebensleistung.

Sein "zweites Leben", wie es der Auschwitz-Überlebende nannte, stand im Zeichen des Tagebuchs. Otto Frank hat seine Mission erfüllt: Alle Welt kennt das Tagebuch auch heute noch, 70 Jahre nach dem Tod von Anne Frank.

"Dass jeder sie kennt, hat Otto Frank geschafft. Das höhere Ziel dahinter, nämlich durch die Veröffentlichung des Tagebuchs aus dem Hinterhaus-Versteck eine gerechtere Welt zu schaffen, eher weniger", sagt Céline Wendelgaß  von der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt: "Aber er hat alles erreicht, was man mit dem Buch hätte erreichen können."
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Tagebuch-Übersetzerin und Anne-Frank-Biografin Mirjam Pressler über die Gründe für die weltweite Beliebtheit des Tagebuchs.

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Seit dem Tod von Otto Frank ist der Schauspieler und frühere Eiskunstläufer Buddy Elias als Botschafter in Sachen Anne Frank unterwegs. Elias, im Juni 1925 geboren, ist Annes Cousin und ihr letzter noch lebender direkter Verwandter.

Er sagt von sich, als Cousin von Anne Frank komme er sich selbst verehrt vor. Ihn irritiere das. "Das Wichtigste ist das Buch und die Zeit. Mir ist es wichtig, dass die jungen Menschen lernen, was für eine entsetzliche Zeit das damals war", betont er. Auch Anne hätte nicht wie eine Heilige verehrt werden wollen, ist Buddy Elias sich sicher: "Sie war einfach ein wunderbares, natürliches Mädchen mit großer Begabung."
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Buddy Elias über die Verehrung seiner Cousine Anne Frank in Japan.

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Die Pageflow-Story zur Veröffentlichung des Tagebuchs von Anne Frank ist Teil des Online-Specials zum Doku-Drama "Meine Tochter Anne Frank".

Vom Casting über die Kostümprobe bis zu den Dreharbeiten: Blicken Sie im Making-of hinter die Kulissen. Erkunden Sie virtuell Anne Franks Versteck und verfolgen Sie mit Hauptdarstellerin Mala Emde den Lebensweg von Anne Frank.
  
http://www.daserste.de/annefrank
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